Verteilungsgerechtigkeit?

  • Da die BWL-Fraktion hier im Forum scheinbar stark vertreten ist, möchte ich doch gerne mal ein sehr spannendes Thema anregen und hoffe, dass wir hier eine kontroverse Debatte zustande bekommen. Kurzum, es geht um die alte Frage der Gerechtigkeit. Genauer: Es geht um die materielle Achse von Gerechtigkeit, also wie der Reichtum einer Gesellschaft verteilt werden sollte.

    Wenn man dem alten Marx glauben schenkt, kann nur gerecht sein, wenn jeder einen gleichen Teil des Kuchens bekommt. Jeder bringt sich mit seinen Fähigkeiten in die Gesellschaft ein, alle bekommen aber das Gleiche. Ja es geht sogar noch weiter. In den Utopien Marx's gibt es kein Privateigentum mehr, aller Besitz ist vergesellschaftet und steht allen zur Verfügung. Ein schöner Traum ...

    ... aber praktisch nicht machbar, möchte jeder Mensch doch irgendwie mehr für sich selber herausschlagen als für andere. Die Bereitschaft sich für die Bereitstellung kollektiver Güter aufzuopfern steht und fällt mit den eigenen Vorteil, der dem Individuum daraus erwächst. Dieses haben liberale Theoretiker schnell erkannt finden eine auf absoluter (materieller) Gleichheit beruhende 'Entlohung' schlichtweg ungerecht. Gerecht kann nur sein, was sich an Leistung orientiert. Wer mehr leistet, muss auch mehr bekommen. Eine höhere Entlohung bzw. mehr Gewinn wird so, gekoppelt mit dem sozialdistinguierenden Faktor von mehr Besitz, zum Motor der Individuuen sich in die Gesellschaft einzubringen. Sie arbeiten in ihre eigene Tasche, gleichsam aber auch für die Gesellschaft.

    Soweit also die Gegenüberstellung von marxistischen und liberalen Gerechtigkeitsgedanken. Ich hoffe ich konnte diese halbwegs umfassend definieren?! Wenn nicht, bitte ich um Ergänzung oder Korrektur.

    Es ließe sich sicherlich schon an dieser Stelle heftigst über beide Modelle streiten. Die meisten von uns werden werden sich aber vermutlich beim zweiten wiederfinden und auf dessen Grundlage will ich ganz sozialkritisch fragen, ist das liberale Gerechtigkeitsmodel dabei, zu entarten?

    Links gesprochen: Der Neoliberalismus enthebelt zunehmend die leistungsbezogenene Gerechtigkeit. Im Neoliberalismus werden für abstrakte Leistungen (beispielsweise das reine zur Verfügung stellen von und spekulieren mit Kapital) exorbitante Summen gezahlt, welche kaum mehr vernunftmässig als 'Gerecht' und schon gar nicht als 'Leistung' fassbar sind. Viel schlimmer aber ist, dass Leistungseliten zunehmend als politische Lobby auftreten und ihre Partikularinteressen durchsetzten. Der Sozialstaat wird abgebaut, Unternehmensgewinne und das eigene, private Vermögen gesteigert.

    Das mag man als naturgegeben im Kapitalismus ansehen. Die Frage aber bleibt, ist das noch gerecht? Natürlich arbeiten Manager 70 Stunden oder mehr in der Woche und erbringen (rein materiell wieder) mehr Leistung als ein normaler Arbeiter/Angestellter mit seinem 40 Stunden Alltag. Die Relation aber macht den Unterschied. Während der Arbeitnehmer vielleicht seine 1.800 € Netto nach Hause trägt bringt es der Manager auf vielleicht 10.000 €. Während die Löhne der einen Einkommensgruppe stagnieren und in Zukunft -bedingt durch den Abbau des Sozialstaates- indirekt sinken, kann sich die andere Gruppe über Lohnsteigerungen freuen. Wo also wird die Grenze des (materiell) Gerechten durchbrochen? Wo steht die Leistung in keinem Verhältnis mehr zum Einkommen?
    Wie weit muss die soziale Schere noch auseinanderklaffen? Man muss sich nur mal die USA anschauen, wo schon über 18% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben (vgl. OECD Berichte ... gut zusammengefasst hier). Kann das etwa noch im Interesse des Liberalismus stehen oder transformiert sich -wie manche befürchten- das liberale System langsam zu einer Art Finanzadel, welcher zunehmend seine Partikularinteressen gelten macht, zu immer größeren Einheiten fusioniert, sich auf lokaler wie globaler Ebene nach unten hin schließt und gerade so dem Leistungsgedanken das Wasser zugunsten der eigenen Partikularinteressen abträgt?

    Ist in einer globalisierten und von Großunternehmen dominierten Welt tatsächlich noch Platz für den Traum des Tellerwäschers zum Millionär? Oder aber wird der Tellerwäscher -ganz gleich seiner Fähigkeiten- ewig Tellerwäscher bleiben, weil die Mächtigen und Reichen eben keine Konkurrenz mehr zulassen wollen, müssten sie so doch um ihren Besitzstand fürchten.

    Anders formuliert: Der Kommunismus ist eine Utopie, weil Menschen gerne mehr haben wollen als andere Menschen. Aber ist der Liberalismus vielleicht auch nur eine Utopie, weil diejenigen die schon mehr haben, auch alles versuchen werden, um ihren Besitzstand zu wahren?

    Gerecht kann eine kapitalistische Gesellschaft nur dann sein, wenn sie Chancengleichheit als Axiom aller Gerechtigkeit setzt und dem individuellen Streben nach Mehr eine kollektive, verträgliche aber kontinuierliche Umverteilung von oben nach unten als Ausgleich entgegensetzt, so dass die soziale Schere nicht entartet.

    Kohl, Köhler, Kokolores!

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  • In MEW 19, S. 21 sagt Marx

    Zitat

    In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!

    Gerechtigkeit, so wie Du sie zu definieren suchst, Impi, ist selbst ein urbürgerliches Denkprodukt. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen ist etwas anderes als: alle bekommen das Gleiche. Ums plakativ zu machen: Kennst Du einen geistig oder körperlich gehandicapten Menschen, Impi?

  • Mit viele Kindern kann man aber besser Schnitzeljagd spielen ... aber schön dich hier zu lesen, Mozzi :]

    Zu deiner Verbesserung: Danke. :] Hast du eigentlich an meiner liberalen Gerechtigkeitsdefinition etwas auszusetzen?!

    Kohl, Köhler, Kokolores!

    • Offizieller Beitrag

    http://study-board.de/regeln.php?sid=

    Wollte euch nur mal kurz drauf hinwiesen, besonder Mozzer. Wenn ihr pers. Gespräche führen wollte, dann doch bitte im Chat oder per PN.

    Vielen Dank

    Jens

    Wie man Fragen richtig stellt!


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  • Nur mal so nebenbei:

    1.

    Zitat

    ... aber praktisch nicht machbar, möchte jeder Mensch doch irgendwie mehr für sich selber herausschlagen als für andere. Die Bereitschaft sich für die Bereitstellung kollektiver Güter aufzuopfern steht und fällt mit den eigenen Vorteil, der dem Individuum daraus erwächst.


    Das ist keine anthropologische Konstante, so wie Du das darstellst, sondern selber Produkt kapitalistischer Vergesellschaftungsform. In einer Gesellschaft, die substantiell auf Konkurrenz basiert, wäre jeder Einzelne blöd, der nicht auf seinen Vorteil bedacht ist - weil er sonst nur die ganze Zeit beschissen wird. Deswegen ließe sich aber dennoch ohne prinzipielle Probleme eine Gesellschaft aufstellen, in der die Menschen miteinander wirtschaften, statt gegeneinander (was sie auf versteckte Art ja gleichfalls auch im Kapitalismus tun, falls Du Dich an den Exkurs zum Gattungswesen erinnerst). Den Begriff des Vorteils muss man sich unter kapitalistischen Bedingungen materiell ökonomisch denken, Vorteil könnte aber auch ein streßfreies, entspanntes Leben in relativem Wohlstand sein ohne das Hickhack der kapitalistischen Verteilungs- und Produktionskämpfe. Die Frage wäre dann, ob man da noch von Vorteil sprechen wollen würde...
    2.

    Zitat

    Gerecht kann nur sein, was sich an Leistung orientiert. Wer mehr leistet, muss auch mehr bekommen.


    Das ist zwar (und nicht nur) liberale Ideologie in ihrem aggressiven Kern, aber eben auch nur völliger Murks. Was ist mit Kindern, Alten, Kranken, Behinderten, den arbeitslosen Massen etc. pp.? Verhungern lassen? Dein Gerechtigkeitsbegriff ist, und nicht by accident, der des bürgerlichen Menschen. Nicht grundlos stand Gerechtigkeit auf den Fahnen der bürgerlichen Revolutionäre. Erstens sorgt das kapitalistische System dafür, dass nicht mal eine solche Gerechtigkeit eingelöst wird (oder meinst Du, der schwer in der Scheiße schuftende Kanalarbeiter bekommt irgendwie mehr "Vorteil" als der reich erbende Playboy?) und zweitens ist eine solche Gerechtigkeit auf einem Stand der Produktivkräfte, der rein prinzipiell die gesamte Weltbevölkerung auch ohne große Plackerei in relativem Wohlstand wiegen könnte, nicht erstrebenswert, sondern anachronistisch. Der von den Neoliberalen aller Coleur ausgerufene Kampfspruch "Leistung muss sich wieder lohnen" geht erstens an der Realität vorbei und sollte zweitens als das begriffen werden, was er ist: eine Kampfansage an die ohnehin schon prekären sozialen Standards in den Metropolen.
    3.

    Zitat

    Es ließe sich sicherlich schon an dieser Stelle heftigst über beide Modelle streiten. Die meisten von uns werden werden sich aber vermutlich beim zweiten wiederfinden und auf dessen Grundlage will ich ganz sozialkritisch fragen, ist das liberale Gerechtigkeitsmodel dabei, zu entarten?
    Links gesprochen: Der Neoliberalismus enthebelt zunehmend die leistungsbezogenene Gerechtigkeit. Im Neoliberalismus werden für abstrakte Leistungen (beispielsweise das reine zur Verfügung stellen von und spekulieren mit Kapital) exorbitante Summen gezahlt, welche kaum mehr vernunftmässig als 'Gerecht' und schon gar nicht als 'Leistung' fassbar sind. Viel schlimmer aber ist, dass Leistungseliten zunehmend als politische Lobby auftreten und ihre Partikularinteressen durchsetzten. Der Sozialstaat wird abgebaut, Unternehmensgewinne und das eigene, private Vermögen gesteigert.


    Fang mal an, Dich mit dem Begriff des strukturellen Antisemitismus zu beschäftigen, Impi. Das Finanzkapital hat eine sehr spezifische Funktion im Kapitalismus. Eine Funktion, die man nicht ernsthaft schlecht finden kann, wenn man das ganze System toll findet, nämlich im wesentlichen die, Kapital zwischen den einzelnen Produktionssparten oszillieren zu lassen. Nach bürgerlicher Ideologie sorgt das schon für den Reichtum aller. Ideologie und Wirklichkeit klaffen aber nun einmal auseinander. Das liegt aber nicht am Finanzkapital - das ist nämlich nur ein Teil des Systems. Es mag Dir nicht bewusst sein, aber Du spielst damit das alte Nazi-Spiel, zwischen raffendem und schaffendem Kapital eine fiktive Trennung durchziehen zu wollen. So eine Trennung ist nicht machbar.
    Im Übrigen: Von Entarten zu sprechen wäre selbst dann eklig, wenn es sachhaltig wäre. Aber ansonsten sind die sozialen Standards der Metropolen eine Errungenschaft sozialer Kämpfe und weder vom Kapital intendiert, noch von ihm geschenkt. Wenn es versucht, sich wieder zurückzuholen, von dem es immer schon denkt, dass es nur ihm gehört, dann ist das kein Ausrutscher, sondern liegt in der Natur der Sache. Was sich verändert hat, ist höchstens die Rolle der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften hierzulande: die versuchen nicht einmal mehr in ihrer Rhetorik die Interessen des "kleinen Mannes" zu verteidigen. Wenn's freilich keinen Widerstand gegen die Kapitalinteressen gibt, macht das Kapital halt, was es will.
    4.

    Zitat

    Wo steht die Leistung in keinem Verhältnis mehr zum Einkommen?


    Das Maß der Werte ist objektiv ihre gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeitszeit, das Maß der Löhne ist aber ein komplett anderes. Die Frage ist schon falsch. Wozu nimmst Du denn Manager als Beispiel, warum nicht gleich Rentiers, Aktienbesitzer, die ihre Aktien von anderen verwalten lassen, etc.? Aber auch da bist Du wieder ganz dicht am strukturellen Antisemitismus: die fetten Bonzen lassen es sich gut gehen und unser einer weiß nicht, ob er das "Herr der Ringe"-Tripple (was ja nun unweigerlich ein Grundbedürfnis ist :D ) wirklich bezahlen kann...
    Impi, begreif es: 10.000 Menschen verhungern Tag für Tag (um nur mal die plakativste Schweinerei zu benennen). Und das liegt einfach nicht daran, dass es nicht genug zu essen auf der Welt gäbe, sondern an der Struktur des gesellschaftlichen Systems (das schon lange bevor der Begriff populär wurde ein globales war). In einem solchen System über Gerechtigkeit zu diskutieren ist einerseits selbst ein Luxus und andererseits gegenstandslos.
    5.

    Zitat

    Ist in einer globalisierten und von Großunternehmen dominierten Welt tatsächlich noch Platz für den Traum des Tellerwäschers zum Millionär? Oder aber wird der Tellerwäscher -ganz gleich seiner Fähigkeiten- ewig Tellerwäscher bleiben, weil die Mächtigen und Reichen eben keine Konkurrenz mehr zulassen wollen, müssten sie so doch um ihren Besitzstand fürchten.


    Für den Traum ist immer Platz, und die Großunternehmer dürften nicht ganz selbstlos wesentlicher Urheber und Multiplikator dieses Traumes sein. Bei der zweiten Frage fehlt das Fragezeichen. Absicht? Sie wäre jedenfalls im Wesentlichen mit ja zu beantworten, wobei die Frage nicht die ist, ob Konkurrenz zugelassen wird, sondern, ob sie sich konstituieren kann. Der Tellerwäscher ist rein prinzipiell und was seine rechtliche Position anbelangt Konkurrent bspw. von VW. Nur ist sein Output an Autos ziemlich gering, um nicht zu sagen: bei Null. Insofern ist er kein sehr ernst zu nehmender Konkurrent. Das, so die bürgerliche Logik, ist aber seine eigene Schuld, und sicherlich nicht die von VW. Tellerwäscher of the world, unite and take over - wäre die Perspektive, mit der Deine Frage negiert werden könnte...
    6.

    Zitat

    Der Kommunismus ist eine Utopie, weil Menschen gerne mehr haben wollen als andere Menschen. Aber ist der Liberalismus vielleicht auch nur eine Utopie, weil diejenigen die schon mehr haben, auch alles versuchen werden, um ihren Besitzstand zu wahren?


    Der erste Satz ist von hinten bis vorne und kreuz und quer Unsinn. Der zweite Satz bringt den Liberalismus auf den Punkt: er ist Ideologie und als solche sowohl funktional für die kapitalistischen Verhältnisse wie auch sie verschleiernd. Das, was Du meinst, dass gegen den Liberalismus sprechen würde: das Besitzstandswahren der erfolgreicheren Konkurrenten, ist nicht das, was dem Liberalismus widerspricht, sonder das, was ihm ENTSPRICHT: genau darum geht es dabei, aber bitte eben ohne großartigen staatlichen Eingriff...
    7.

    Zitat

    Gerecht kann eine kapitalistische Gesellschaft nur dann sein, wenn sie Chancengleichheit als Axiom aller Gerechtigkeit setzt und dem individuellen Streben nach Mehr eine kollektive, verträgliche aber kontinuierliche Umverteilung von oben nach unten als Ausgleich entgegensetzt, so dass die soziale Schere nicht entartet.


    Nochmal wieder aller Unsinn versammelt. Gerecht kann eine kapitalistische Gesellschaft überhaupt nicht sein - sonst wäre sie nicht kapitalistisch. Wie willst Du denn überhaupt Chancengleichheit bestimmen? Sicherlich nicht als ökonomische, oder? Und hast Du schon mal darüber nachgedacht, dass Bildungs- und damit auch Aufstiegschancen etwas damit zu tun haben, unter welchen ökonomischen Bedingungen man so aufwächst?
    Wieder das "entartet"! Ansonsten freilich bin ich kapitalistisch immanent auch eher für als gegen Sozialstaatlichkeit. Aber es macht leider keinen Unterschied ums Ganze...

  • Vielleicht noch eine Präzisierung. Ich schrieb:

    Zitat

    Aber ansonsten sind die sozialen Standards der Metropolen eine Errungenschaft sozialer Kämpfe und weder vom Kapital intendiert, noch von ihm geschenkt.


    Ich bin nicht darin bewandert, was Bismarck dazu trieb, die Sozialversicherungen zu etablieren. Sicherlich war es AUCH Druck der Arbeiterbewegung. Vielleicht haben ihn aber auch durchaus andere Faktoren beeinflusst: Die Sozialversicherungen sind in vielerlei Hinsichten systemstabilisierend - nicht nur, weil sie die Arbeiterkämpfe in ihrem Ausmaß abdämpfen. Der deutschen "Sozialpartnerschaft" zwischen Kapital, Staat und Gewerkschaften wird ja auch nicht grundlos immer wieder eine hohe kapitalistische Effizienz bescheinigt: die Gewerkschaften sind Stabilisatoren, Modernisierer und Kreativpotential des deutschen Kapitals gewesen. Diese Rolle findet das Kapital aber nicht wichtig genug - was genug über die Skrupellosigkeit von eben diesem aussagt.
    Interessant in diesem Zusammenhang ist ja immer wieder die Anekdote dazu, warum Preußen die allgemeine Schulpflicht eingeführt hat. Weder ging es dabei um Bildung für die Massen, noch auch nur primär darum, den Massen Sekundärtugenden Nahe zu bringen. Die weitverbreitete 18-stündige Jeden-Wochentag-Kinderarbeit insbesondere in Bergwerken führte einfach dazu, dass das Preußische Militär nicht mehr genug Personal zur Verfügung hatte. Die Kinder wurden einfach zu früh und zu rabiat vom Kapital vernutzt und dadurch massenhaft vorm wehrpflichtigen Alter eliminiert. Das konnte der Staat freilich nicht zulassen. Als kennten wir es nicht heute noch: Sicherheit geht vor. Also: allgemeine Schulpflicht, Problem gelöst. Soziale Errungenschaften (so sie denn überhaupt solche sind) sind mithin nicht immer erkämpft, sondern von Staat oder Kapital manchmal auch einfach für sinnvoll gegen die eigenen destruktiven Tendenzen befunden worden.

  • Nur mal so nebenbei verbessert ...

    Zitat

    Das ist keine anthropologische Konstante, so wie Du das darstellst,

    Mehr als "so darstellen" tue ich das auch nicht. Persönlich wäre ich vorsichtiger und würde es dabei belassen, dass der Mensch qua seiner Physis doch recht beschränkt in seiner Wahrnehmung ist und zwangsläufig ein gesteigertes Interesse an sich und seiner unmittelbaren Lebensumwelt hat. Und das kannst du nun auch nicht ernsthaft leugnen wollen. Der Mensch ist kein tranzendentes Wesen, dass im großen Ozean von Mutter Natur schwimmt und zu jedem Zeitpunkt für alles und jeden selbstlos Sorge trägt.

    Was im westlichen Kulturprozess vielleicht als neue Qualität des gesteigerten Interesses an der subjektiv Lebensumwelt hinzugekommt, ist die Rationalität. Der berechnende Moment des Kosten-Nutzen Kalküls. Die Kolonialisierung der Lebenswelt ...

    An dieser Stelle möchte ich glasklar von dir verstanden werden, da ich doch den Eindruck habe, dass du mich nur all zu gerne in einen gewissen Stereotyp einzuordnen gedenkst. Wie ich darauf komme? Durch Kommentare der folgenden Art:


    Zitat

    Stereotyp 1.) der Kurzsichtig-Unbarmherzige
    Das ist zwar (und nicht nur) liberale Ideologie in ihrem aggressiven Kern, aber eben auch nur völliger Murks. Was ist mit Kindern, Alten, Kranken, Behinderten, den arbeitslosen Massen etc. pp.?
    Verhungern lassen? Dein Gerechtigkeitsbegriff ist, und nicht by accident, der des bürgerlichen Menschen.

    Zitat

    Strereotyp 2.) derjenige, der Leistung objektiv messen will
    oder meinst Du, der schwer in der Scheiße schuftende Kanalarbeiter bekommt irgendwie mehr "Vorteil" als der reich erbende Playboy?

    Zitat

    Stereotyp 3.) - Derjenige, der den Kapitalismus nicht versteht
    Das Finanzkapital hat eine sehr spezifische Funktion im Kapitalismus. Eine Funktion, die man nicht ernsthaft schlecht finden kann, wenn man das ganze System toll findet, nämlich im wesentlichen die, Kapital zwischen den einzelnen Produktionssparten oszillieren zu lassen.

    Zitat

    Rückgriff auf Stereotyp Nr.1
    Impi, begreif es: 10.000 Menschen verhungern Tag für Tag (um nur mal die plakativste Schweinerei zu benennen). Und das liegt einfach nicht daran, dass es nicht genug zu essen auf der Welt gäbe

    Mozzer-Baby, du brauchst mich nicht zu belehren. Frech nur finde ich, dass sich deine Replik scheinbar in der Belehrung darüber, dass der Kapitalismus auch Armut und Elend produziert, erschöpft. Das impliziert, dass ich dieses begrüßen würde. Dieses, obwohl ich gerade versucht habe gegen diese negativen Auswirkungen zu schreiben. Nur eben aus einer dir nicht bequemen Position heraus.

    Kohl, Köhler, Kokolores!

  • Nun die eigentliche Replik auf deinen Beitrag. Diese fällt selbstverständlich kurz.

    Der Kapitalismus ist mMn. ambivalent. Er kann breiten Wohlstand produzieren (was in Westeuropa auch nach dem zweiten Weltkrieg geschehen ist), kann aber genausogut zur sozialen Splatung der Gesellschaft in Reich und Elend führen. Während du aus deiner Denktradition heraus nur die negative Seite sehen kannst und willst, alles Positive nur als kurzfristiges Phänomen betrachtest, behaupte ich, dass es eine zwar diffiziele aber nicht unlösbare Aufgabe ist, die Marktwirtschaft mit dem Sozialen zu bändigen. Dieses setzt allerdings ein flexibles politisches System voraus, welches man nicht einfach zentral definieren kann (=Diktatur). Ein System, welches immer wieder zwischen bestimmten Idealen ozilliert und nur durch die beständige, immannente Kritik stabil gehalten werden kann. Das ist nicht einfach, aber es wird auch keine einfachen Lösungen geben. Alles andere ist Sozialromantik und zielt an der Vielfalt der Menschen und ihrer Träume vorbei.

    Adorno meint, dass es nichts Richtiges im Falschen gibt. Ich behaupte, es ist nicht richtig etwas als pauschal falsch zu beurteilen. Ich kritisiere diese Gesellschaft immanent aus ihrem System heraus und ich halte dieses für den einzig realistischen Weg, tatsächlich Menschen zu helfen anstatt nur heiße rote Luft zu produzieren. Ich betrachte mich als winziges Gegengewicht, welches innerhalb des Diskurses das Ausschlagen des Systemes in die mMn. antisozial-falsche Richtung verhindern will.

    Es bleibt dein gutes Recht darauf zu verweisen, dass du nicht in diesen Diskurs eintauchen möchtest, weil du ihn grundsätzlich für falsch hälst. Abschließen und um es mit den Worten meiner Mitbewohnerin zu sagen, als wir uns über deine Forensbeiträge unterhielten: "Lass ihn doch, erst ist eben noch ein richtiger kleiner Idealist" :D

    Kohl, Köhler, Kokolores!

  • Klingt, als hätte ich Dich verärgert. Deine offensive Eitelkeit lässt sich freilich nicht ernsthaft ärgern. Und um die psychosoziale Ebene dann auch abgehakt zu haben: "Mozzer-Baby"??? Seit wann und in welchem Sinne wäre ich denn Dein Baby???

    Zitat

    Persönlich wäre ich vorsichtiger und würde es dabei belassen, dass der Mensch qua seiner Physis doch recht beschränkt in seiner Wahrnehmung ist und zwangsläufig ein gesteigertes Interesse an sich und seiner unmittelbaren Lebensumwelt hat. Und das kannst du nun auch nicht ernsthaft leugnen wollen. Der Mensch ist kein tranzendentes Wesen, dass im großen Ozean von Mutter Natur schwimmt und zu jedem Zeitpunkt für alles und jeden selbstlos Sorge trägt.

    Das kann ich insgesamt unterschreiben - und weiß deshalb nicht so recht, was Du damit sagen willst, weil Du es ja so vorträgst als hätten wir da eine Differenz. Wobei anzufügen wäre, dass der Mensch durchaus AUCH ein transzendentes Wesen ist: die unmittelbare Einheit der Apperzeption (also Wahrnehmung) ist bspw. das Nachkonstrukt der Außenwelt in unserem Inneren. So etwas ist im Kern transzendent, im Wortsinn: hinüberschreitend, die Grenze zwischen Innen und Außen relativierend. Aber das wäre eine Diskussion für sich. Genauso schwimmen wir im großen Ozean von Mutter Natur - nur, dass dieser Ozean ein für jedes Einzelwesen überaus gefährlicher und bedrohlicher (aber auch vielversprechender uns lustvoller) ist. Ich bilde mir deshalb aber keineswegs ein, das jeder von uns zu jedem Zeitpunkt für alles und jeden selbstlos Sorge trägt. Das halte ich auch nicht für nötig. Selbstlosigkeit und Sorge sind andererseits aber zumindest teilweise und immer wieder (wenn schon nicht immer) durchaus im je individuellen Interesse - das andererseits aber schwer vom gesellschaftlichen Gefüge abhängt.

    Zitat

    Was im westlichen Kulturprozess vielleicht als neue Qualität des gesteigerten Interesses an der subjektiv Lebensumwelt hinzugekommt, ist die Rationalität. Der berechnende Moment des Kosten-Nutzen Kalküls. Die Kolonialisierung der Lebenswelt ...

    Vielleicht??? Sicherlich und ganz bestimmt, auch wenn ich den Zusammenhang sehr schwafelig von Dir formuliert finde. Das Problem des bürgerlichen Kosten-Nutzen Kalküls liegt neben dessen Unbarmherzigkeit aber vor allem in seiner individualistischen Anwendung. Gesamtgesellschaftlich verursacht das individualistische Kosten-Nutzen-Kalkül mittlerweile (und vielleicht auch schon seit seinen Anfängen) mehr "Kosten" als "Nutzen". Kennst Du dazu vielleicht das Gefangenen-Dilemma???
    Um diesen Punkt geht es vielleicht zentral in unserer Diskussion. Wobei Dein Gegenargument stereotyp das zu sein scheint, dass die Individuen nun einmal nur individualistisch und nicht gesellschaftlich denken (und entsprechend handeln) können. Das ist aber falsch - schon weil alle unsere Diskussionen dann gar nicht stattfinden könnten. Du näherst Dich da dem Diktum Thatchers an, dass es so etwas wie Gesellschaft nicht gäbe, nur Individuen. (Ich hatte Dich ja schon wiederholt darum gebeten, Dir einen Kopf dazu zu machen, warum es gesellschaftliche Allgemeinheiten wie: Geld, Sprache, Recht gibt. Verstehst Du denn wenigstens, warum ich Dich darum immer wieder bitte?)
    Worauf ich unter anderem hinweisen wollte war, dass eine kapitalistische Vergesellschaftungsform es den Menschen unglaublich schwer macht, nicht nur ihr individualistisch begriffenes Interesse zu verfolgen (wozu sie einfach genötigt sind), sondern darüber hinaus auch gesellschaftliche Folgerungen sowohl theoretisch wie praktisch aus ihrem individuellen Interesse zu ziehen. Wegen dieser fatalen Schwierigkeit erscheinen dann aber viele Dinge als natürlich oder selbstverständlich, die es keineswegs sind: z. B. dass jeder sich selbst der Nächste ist und ihm der Rest der Welt den Puckel runterrutschen kann. Das ist neoliberale Denke, die nur einen (historisch relativen) Ausschnitt der Wirklichkeit zum Ganzen der Wirklichkeit aufbläst. Oder willst Du mir bspw. erzählen, dass Deine Mama grundsätzlich ein Kosten-Nutzen-Kalkül ihr Verhalten zu Dir hat bestimmen lassen???

    Mir ist ein wenig schleierhaft, was Du mir mit den drei Stereotypen zu verstehen geben willst. Ich bringe diese Sachen stereotyp immer wieder, weil ich sie immer wieder bei Dir zu entdecken meine. Du zählst sie nur auf, sagst aber nichts dazu. Du willst sie einfach nicht mehr hören ist der Punkt, oder was?

    Zitat

    Frech nur finde ich, dass sich deine Replik scheinbar in der Belehrung darüber, dass der Kapitalismus auch Armut und Elend produziert, erschöpft. Das impliziert, dass ich dieses begrüßen würde. Dieses, obwohl ich gerade versucht habe gegen diese negativen Auswirkungen zu schreiben. Nur eben aus einer dir nicht bequemen Position heraus.

    Du mißverstehst mich. Ich diskutiere gerade mit Dir, weil ich durchaus bemerkt habe, dass Du einige grundsätzliche humanistische Standards hast. Hätte ich die bei Dir nicht entdeckt, wärst Du also einfach ein Fascho oder eine Maschine, würde ich auch nicht mit Dir diskutieren, sondern Dich einfach als politischen Feind begreifen, dem ich vorerst besser aus dem Weg ginge. Also: meine Belehrungen (bin ich wirklich so schulmeisterisch? :( ) implizieren nicht (oder sollen es zumindest nicht), dass Du Armut und Elend begrüßen würdest. Mein Punkt ist der: Kapitalismus verursacht systematisch Armut und Elend - das hat er durch die Jahrhunderte seines Bestehens immer getan, und zwar im großen internationalen Stil. Staatliche oder meinetwegen auch zivilgesellschaftliche Mechanismen, die dieser Verelendung entgegen arbeiten wollen, sind vergleichsweise schön und gut (falls Du meine Diskussion mit dem Gegenstandpunktler verfolgt hast, wirst Du ja auch wissen, dass ich das durchaus auch so sehe). Nur: sie sind gesellschaftlich erkämpft und stehen prinzipiell immer wieder zur Disposition, weil das System da nunmal was gegen hat; sie sind ohnehin nur ein metropolitaner Luxus und selbst in den Metropolen nur sehr fragmentarisch durchgesetzt; und damit letztlich stabilisieren sie ein System, das nichtsdestotrotz sich weiterhin einen Dreck um Armut und Elend schert. Die Forderung nach Sozialstaatlichkeit ist (leider) nicht konsequent, um Armut und Elend zu verhindern. Konsequent für dieses Interesse wäre nur die Forderung nach Abschaffung des Systems, das unnötigerweise Armut und Elend produziert.
    Hinzu kommt für unsere Diskussion heute, dass die historische Phase der Nachkriegsära seit 1989 vorbei ist. Mit dem Ende des Ostblocks, der den Kapitalismus erstens wirtschaftlich geschächt hat, weil er ihm große Bereiche des Weltmarktes entzogen hat, und der zweitens den Kapitalismus auch politisch geschwächt hat, weil das Kapital zumindest von der halbwegs gut ausgebildeten Arbeiterschaft der Metropolen befürchten musste, dass sie sich vielleicht dem (durchaus militärisch, wirtschaftlich und politisch machtvollen) Ostblock anschließt, wenn es (also das Kapital) es zu bunt mit ihr (also der Arbeiterschaft) treibt; mit dem Ende dieses Blocks (und bitte jetzt keine Diskussionen darüber, dass Stalin kein angenehmer Zeitgenosse war!) befindet sich der Kapitalismus wieder in einer historischen Situation, die ihm keine Grenze vorgibt. Nur die Bevölkerungsmassen könnten ihm eine Grenze durch harte Auseinandersetzungen zeigen und ihn dazu zwingen, sie nicht zu überschreiten. Von sich aus läuft sein Konkurrenzmechanismus immer nur auf grenzen- und maßlose Verschärfung hinaus: Verschärfung der Konkurrenz, Verschärfung der sozialen Bedingungen. Das ist leider so und liegt nicht mal im bösen Willen der Kapitalisten (was eben ein strukturell antisemitischer Gedanke wäre), sondern in dem Konkurrenzmechanismus selbst begründet. Mir scheint immer wieder, dass Du ein Bild von der relativ harmonischen Schlichtung des Klassengegensatzes auch noch für heute gelten lassen willst, wie es in der Nachkriegsära bis etwa in die 70er Jahre hinein tatsächlich einige Wirklichkeit in den Metropolen hatte. Für heute ist diese Bild aber, wiederum durchaus: leider, nicht mehr zutreffend. Was Dir jeder Blick auf das politische Tagesgeschehen eigentlich belegen müsste.
    Unser Streitpunkt dreht sich, soweit ich sehe, auch hier vor allem um das Wörtchen "unnötigerweise". Wäre es nötig und unabänderlich, wäre die Forderung nach einer besseren Welt tatsächlich Spinnerei, mithin wohl Idealismus in dem Sinne, wie Deine Mitbewohnerin diesen Begriff wohl meint. Ich vermute, dass wir uns darin einig sind, dass der gesellschaftliche Reichtum bei richtiger Verteilung schon heute ohne weiteres dafür auslangen würde, dass im globalen Maße die Grundbedürfnisse von Ernährung, Witterungsschutz und basaler Gesundheitsversorgung befriedigt werden könnten. Dein Einwand scheint einfach nur ein Motivationstheoretischer zu sein: der Mensch ist faul, er würde ohne Leistungsdruck lieber in einer Tonne und unterernährt hausen als sich um seinen Wohlstand zu kümmern. Ich bin da deutlich anderer Meinung. Erstens ist der gesamtgesellschaftliche Arbeitspool, der überhaupt nicht oder stumpfsinnig vernutzt wird, gigantisch. Es gibt da noch ein unglaubliches Potential, das unter heutigen Bedingungen überhaupt nicht benötigt wird. Das sind nicht nur die arbeitslosen Massen überall auf der Welt, sondern bspw. auch jene, die ausschließlich mit der Verwaltung der Repräsentation des gesellschaftlichen Reichtums (also z. B. Geld) beschäfftigt sind. Eine gewisse Verwaltung der Güterverteilung wird auch in befreiter Gesellschaft unabdingbar sein, aber sicherlich nicht in diesem Ausmaß. Und es gibt noch etliche Arbeitssparten mehr, die in einer vernünftigen Gesellschaft hinfällig werden. Weiterhin revolutioniert der Kapitalismus ständig seine Produktionsmittel, obwohl diese noch gar nicht unbedingt ihren Lebensabend erreicht haben - und er legt durch den Konkurrenzmechanismus, dem immer auch Betriebe zum Opfer fallen, Produktionsmittel selbst dann, wenn sie brandneu sind, einfach völlig lahm. Das sind irrationale Kosten dieses Systems, die unnötigerweise Arbeitszeit vereinnahmen. Zweitens legen Menschen sowohl auf Gemeinschaft wie auch auf eine gewisse Nützlichkeit für diese Gemeinschaft durchaus wert - und das halte ich mehr oder weniger für eine anthropologische Konstante. Die Arbeitslosenforschung hat da ja einige interessante Ergebnisse zu Tage gefördert. Wobei man sich freilich auch da darüber im Klaren sein muss, dass die Arbeitslosen kapitalistisch formiert sind und es in einer Gesellschaft überaus problematisch ist nutzlos zu sein, die immer wieder daran erinnert, dass eigentlich nicht essen soll, wer nicht arbeitet. Dennoch ist das Interesse, nützlich zu sein, nicht prinzipiell ein nur unter kapitalistischen Bedingungen vorhandenes. Drittens sind Menschen vernunftbegabt und können von daher auch ihre Faulheit überwinden, wenn sie Einsicht in die Notwendigkeit von Leistung haben. Das muss man im Kapitalismus eigentlich niemandem erzählen. Dass sich in befreiter Gesellschaft das WG-Problem, wer sich um das lästige Müll-Rausbringen oder Toilette-Putzen kümmert, in einem größeren Ausmaß hat (wer bringt den Müll zu Deponie und kümmert sich um dessen Vernichtung / Recycling, wer kümmert sich um die Kanalisation etc.?), sagt nicht, dass dieses Problem deshalb unlösbar wäre. Insbesondere angesichts des zusätzlich zur Verfügung stehenden Arbeitspools respektive der vielen freien Zeit der Individuen.
    Mit anderen Worten: die Irrationalität des Kapitalismus ist eine echte, weil sie unnötig ist. Das mag man im 19. Jhdt. wegen der geringeren Entfaltung der Produktivkräfte vielleicht anders beurteilt haben, heute kann man das wachen Blickes nicht mehr anders beurteilen.

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    Während du aus deiner Denktradition heraus nur die negative Seite sehen kannst und willst, alles Positive nur als kurzfristiges Phänomen betrachtest, behaupte ich, dass es eine zwar diffiziele aber nicht unlösbare Aufgabe ist, die Marktwirtschaft mit dem Sozialen zu bändigen. Dieses setzt allerdings ein flexibles politisches System voraus, welches man nicht einfach zentral definieren kann (=Diktatur). Ein System, welches immer wieder zwischen bestimmten Idealen ozilliert und nur durch die beständige, immannente Kritik stabil gehalten werden kann. Das ist nicht einfach, aber es wird auch keine einfachen Lösungen geben. Alles andere ist Sozialromantik und zielt an der Vielfalt der Menschen und ihrer Träume vorbei.

    Abgesehen vom ersten halben Satz, kann ich Dir im Wesentlichen zustimmen. Es ist keineswegs so, dass ich nur die negative Seite sehen könnte. Aber ich halte es für wichtiger, auf die negative Seite zu schauen und sie zu analysieren - als sich mit dem, was halbwegs ok ist zu beschwichtigen. Ich denke, dass wir sehr ernsthafte politische Probleme in den kommenden Jahrzehnten haben werden, vor denen heute noch die Augen verschlossen werden. Die Realität aber wird uns einholen und uns eines schlechteren belehren. Das finde ich alles andere als eine rosige Perspektive, weshalb ich es eben wichtig finde, sich mit den Ursachen dieser düsteren Perspektive zu beschäftigen. Du kannst das auch heute schon immer wieder beobachten: je kälter das soziale Klima wegen der politischen Verschlechterungen wird, desto kälter werden auch die vereinzelten Einzelnen in ihren politischen Urteilen. Das hat sich doch beispielsweise auch ein paar Mal schlagend im Streik-Forum gezeigt: Wieso denn sollte man für so ein Pack, wie Langzeitstudierende es sind, sich politisch engagieren? Solche Ressentiments begegnen Dir auf allen politischen Terrains und laufen letztlich eben darauf hinaus, dass wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll. Als wäre es Schuld des einzelnen, dass er kein Arbeitsplatz findet. Aber die Leute denken sich das so. Und nicht grundlos: werden sie doch selber immer mehr unter Druck gesetzt. Wer keine Solidarität, sondern das Gegenteil erfährt, wird aber auch selber nicht gerne bereit sein, jenseits seines eigenen Interesses solidarisch zu sein. Es sei denn, er sieht mit Vernunft ein, dass der Individualismus zu einer Verschärfung aller Lebensbereiche führt, in der nur die wenigsten, wenn überhaupt, profitieren. Weil uns aber kein höheres Wesen retten wird, ist es auch wichtig, das Negative ins Auge zu fassen. Ich wüsste im Übrigen nichts rein Positives zu benennen. Die mich umgebende Gesellschaft verdient eigentlich in allen ihren Momenten Kritik. Was wiederum nicht heißt, dass ich solchen Institutionen wie Kindergärten bspw. einiges abgewinnen kann. Aber die sind ja letztlich nicht unser Thema, oder? Unser Thema, Deins, war ein abstraktes: Gerechtigkeit.
    Ansonsten kann ich Dir, wie gesagt, recht geben. Insbesondere darin, dass es unter momentanen Bedingungen eines extremen Aufwands bedarf, um die Marktwirtschaft sozial zu bändigen. Ein Aufwand, der momentan noch nicht annähernd betrieben wird. (Ein Freund von Diktaturen bin ich im Übrigen nicht, falls Du das denken solltest. Auch wenn ich an den verdinglichten Demokratieroutinen dieser Gesellschaft auch so einiges auszusetzen habe.) Ansonsten, was freilich mittlerweile klar sein dürfte, sehe ich die Zielsetzung anders. Ich halte letztlich nicht viel davon, die Marktwirtschaft sozial zu beschwichtigen. Erstens weil das ohnehin nur ein metropolitaner Luxus wäre (und ob die Metropolitanen das überhaupt noch durchsetzen können, steht ebenfalls dahen) und zweitens weil diese Beschwichtigung immer prekär bleiben würde und immer wieder soziale Kämpfe sich darum gruppieren müssten. Immer wieder soziale Kämpfe austragen zu müssen, wozu der Kapitalismus systematisch nötigt, finde ich keine rosige Perspektive. Deswegen wäre ich gegen diese halbe Sache und gleich für das einzig Richtige: den Verein freier Menschen.
    Diesen willst Du als Sozialromantik abtun. Du unterschätzt den Zynismus und die tiefe Realitätseinsicht gerade derjenigen, die viel von dieser Romantik halten. Romantik, die nicht zur Wirklichkeit kommt, wird eine außerordentliche zynische Spitze. Es geht beim Verein freier Menschen ja nicht ums Eiapopeia vom Himmel und außerdem waren sich die Arbeiterbewegungsmarxisten auch immer klar darüber, dass es ohnen Übergangsgesellschaft ohnehin nicht geht. Da wird's dann ernsthaft schwierig. Aber diesen Schwierigkeiten könnten die Menschen gemeinsam ins Gesicht schauen. Das hat nicht wirklich etwas mit Sozialromantik zu tun, sondern damit, die Menschen nichtsdestotrotz für vernunftbegabt zu erachten - und daran zu glauben, dass Menschen erkennen können, was ihr Interesse ist und wo dieses systematisch in die Tonne getreten wird.
    Sozialromantisch war ich vor 10 Jahren als ich anfing, mich mit solchen Themen zu beschäftigen. Heute bin ich wesentlich Zyniker und analytisch. Die Sozialromantik bleibt dabei freilich durchaus eine auch emotionale Triebfeder. Deswegen fühle ich mich dennoch missverstanden, wenn Du meintest, ich wäre pur sozialromantisch. Da verkennst Du einiges.

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    Ich kritisiere diese Gesellschaft immanent aus ihrem System heraus und ich halte dieses für den einzig realistischen Weg, tatsächlich Menschen zu helfen anstatt nur heiße rote Luft zu produzieren. Ich betrachte mich als winziges Gegengewicht, welches innerhalb des Diskurses das Ausschlagen des Systemes in die mMn. antisozial-falsche Richtung verhindern will.

    Ich denke, dass ich das auch zumindest tue, und nicht bloß heiße rote Luft produziere. Aber wir haben verschiedene Einschätzungen, was das Gewicht der antisozial-falschen Richtung angeht. Da bist Du nämlich der wahrhafte Sozialromantiker. Das Soziale ist leider aber wesentlich brachialer als die bunten Fernsehbilder uns das so glauben lassen wollen. Für Einzelheiten zur Systematik der ganzen Scheiße ist immernoch die Lektüre des Marxschen Kapitals angeraten. Trotz diverser Modernisierungen des Kapitals, ist sie auch heute noch substantiell richtig und das Beste, was der menschliche Geist innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zustande gebracht hat.

    Ansonsten Grüße an Deine Mitbewohnerin (die Psychologie-Studentin?). Ist ihr bewusst, dass es neben dem umgangssprachlichen Sinn von idealistisch noch einen philosophie-spezifischen gibt? Hegel ist in seiner Beschränktheit durchaus mit das Brillianteste, was ich bisher zu lesen bekomme habe. Und Adornos Tiefsichtigkeit verdankt sich nicht zuletzt einer intensiven Auseinandersetzung mit dem deutschen Idealismus. Ein Idealist zu sein muss man auch als Materialist nicht für eine Beschimpfung erachten...

    (Auch hier eine lästige 15.000-Zeichen Nachrichtsbeschränkung X( )